Wenn der Spiegel nie reicht
Zu schmal, obwohl die Shirts spannen. Was Muskeldysmorphie ist, warum sie in der Szene einen Nerv trifft und woran du merkst, dass Training kippt

Das Training ist vorbei, das Shirt klebt noch, und vor dem Spiegel der Umkleide steht einer und sucht. Er dreht sich ein Stück nach links, dann nach rechts, und meistens wird er fündig, bei einer Schulter, die noch nicht rund genug ist, bei einem Arm, der gestern voller aussah. Für alle anderen im Raum ist er der Mann mit dem breitesten Rücken. Für sich selbst ist er wieder einmal zu schmal.
Ein bisschen davon kennt jeder, der regelmäßig trainiert. Du willst Fortschritt sehen, du vergleichst dich, und an manchen Tagen bist du mit deinem Spiegelbild schlicht nicht einverstanden. Das ist gewöhnliche Unzufriedenheit. Dieser Text handelt von dem Punkt, an dem aus Ehrgeiz etwas anderes wird.
Ein Name für das Gefühl
Muskeldysmorphie gilt als Form der körperdysmorphen Störung, das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 führt sie als eigene Ausprägung. Umgangssprachlich heißt sie manchmal Bigorexie. Im Kern steht die feste Überzeugung, der eigene Körper sei zu klein und zu wenig muskulös, obwohl er von außen durchschnittlich oder sogar deutlich trainiert aussieht. Mit Eitelkeit hat das wenig zu tun, gestört ist die Wahrnehmung selbst. Der Spiegel zeigt das eine, und der Kopf liest etwas anderes heraus. Betroffen sind überwiegend Männer, häufig solche, die ohnehin viel trainieren.
Dass das Thema in der Szene einen Nerv trifft, überrascht kaum. Wir schauen einander mit einem Blick an, der Körper sehr genau liest, im Club, am Strand und auf Grindr, wo das Profilbild oft ein Torso ist und das Gesicht erst im Chat nachgereicht wird. Studien deuten darauf hin, dass schwule und bisexuelle Männer häufiger mit ihrem Körper hadern als heterosexuelle. Und für manche war das Gym nie bloß Hobby. Es war eine Rüstung, angelegt irgendwann in der Jugend, als der eigene Körper vor allem Angriffsfläche war. So eine Rüstung legt man ungern wieder ab.
Woran du merkst, dass es kippt
Das Training selbst ist selten das Warnsignal. Entscheidend ist, welchen Platz es in deinem Leben einnimmt. Wenn sich eine ausgefallene Einheit wie Versagen anfühlt, wenn du mit Fieber oder gezerrter Schulter trotzdem gehst, weil ein freier Tag schwerer auszuhalten ist als der Schmerz, lohnt ein genauerer Blick. Dasselbe gilt, wenn Abendessen mit Freunden, Dates oder Reisen regelmäßig am Trainings- oder Essensplan scheitern. Den Leg Day verschiebt man nicht, den Geburtstag der besten Freundin schon.
Dazu kommt ein seltsames Verhältnis zum eigenen Spiegelbild. Manche kontrollieren ihren Körper ständig, in jeder Schaufensterscheibe, auf jedem Foto. Andere meiden Spiegel und behalten am Badesee das Shirt an, weil sie sich zu klein fühlen, oder tragen weite Kleidung, die etwas verstecken soll, das außer ihnen niemand sieht. Das deutlichste Zeichen ist die Ziellinie, die immer weiter wandert. Jedes neue Gewicht auf der Stange, jeder Zentimeter am Oberarm bringt nur kurz Erleichterung, dann liegt die Latte wieder höher. Wer an diesem Punkt über Mittel nachdenkt, die er sich früher verboten hätte, ist längst über gewöhnliche Unzufriedenheit hinaus.
Hilfe, ohne das Gym aufzugeben
Körperdysmorphe Störungen sind behandelbar. Als gut untersucht gilt vor allem die kognitive Verhaltenstherapie. Sie hilft, die verzerrte Wahrnehmung zu erkennen und die Rituale, die sie am Laufen halten, Schritt für Schritt zu lockern. Erste Anlaufstelle kann die Hausarztpraxis sein oder direkt eine psychotherapeutische Praxis. In Deutschland vermittelt die Terminservicestelle unter 116117 auch Termine für ein psychotherapeutisches Erstgespräch, die sogenannte Sprechstunde. Wer sich bei einer queeren Beratungsstelle wohler fühlt, findet solche Angebote in vielen größeren Städten.
Die Mitgliedschaft musst du dafür nicht kündigen. Eine Therapie soll dir das Training nicht wegnehmen. Sie soll es wieder zu einem Teil deines Lebens machen statt zu dem Gerüst, an dem alles andere hängt. Krafttraining tut Körper und Kopf gut, daran ändert sich nichts.
Das Problem war nie das Gym. Es ist der fehlende Feierabend, der Blick in den Spiegel, der nach der letzten Wiederholung weiterarbeitet, auf dem Heimweg, beim Essen, nachts im Bett. Mit dem breitesten Rücken in der Umkleide hat Gesundheit wenig zu tun. Sie fängt eher dort an, wo einer nach dem Training seine Tasche nimmt und auf dem Weg nach draußen nicht noch einmal zum Spiegel schaut.


