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Reisen

Mykonos oder Sitges mit 40, wenn du um eins ins Bett willst

Wie du die beiden Partyklassiker erlebst, wenn dir der Tag inzwischen wichtiger ist als die Nacht

Von der Redaktion · 15. Oktober 2026 · 4 Min.
Weiß getünchtes Haus auf einer griechischen Insel mit blauen Türen und Fensterläden, davor Bougainvillea und Topfpflanzen in der Sonne
Foto: Pexels

Die Kirche von Sitges, die hell auf ihrem Felsen über dem Wasser steht, hast du mit Mitte zwanzig vermutlich nur auf dem Heimweg gesehen. Es war halb sieben, die Schuhe voller Sand, und du hast dich gefragt, wer um diese Uhrzeit freiwillig joggt. Mit vierzig bist du womöglich selbst einer davon, oder zumindest der Mann, der daneben mit seinem Kaffee auf der Mauer sitzt. An der Sehnsucht nach den beiden Klassikern hat sich wenig geändert. Geändert hat sich, was du von einem Urlaubstag erwartest. Du willst ihn sehen, und zwar von Anfang an.

Das schließt Mykonos und Sitges nicht aus. Beide stehen in fast jeder schwulen Reisebiografie, und beide funktionieren erstaunlich gut für jemanden, der um eins im Bett liegen möchte. Du musst sie nur von der anderen Seite des Tages her betreten.

Sitges, die Kleinstadt mit Bahnanschluss

Sitges liegt südwestlich von Barcelona an der Küste, mit dem Zug rund 40 Minuten entfernt. Das klingt nach Fahrplanauskunft und ist doch das stärkste Argument für den Ort. Du kannst in Barcelona wohnen und zum Baden hinausfahren, oder in Sitges wohnen und die Großstadt als Tagesausflug behandeln, mit einem Museumsvormittag und einem späten Mittagessen. Zum Sonnenuntergang bist du trotzdem zurück am Meer.

Der Ort ist klein genug, um ihn zu Fuß zu verstehen. Am Strand zieht sich eine lange Promenade entlang, dahinter liegt die Altstadt mit weißen Häusern und schmalen Gassen, und auf dem Felsvorsprung über dem Wasser steht Sant Bartomeu i Santa Tecla. Morgens gehört dieses Stück Küste den Joggern, den Hundebesitzern und Männerpaaren, die aussehen, als kämen sie seit den Neunzigern jeden Sommer wieder. Vom Lärm der Nacht ist dann nichts mehr zu hören.

Die Szene gehört in Sitges seit Jahrzehnten zum Stadtbild, am Strand wie in den Bars der Altstadt. Wenn du früh ins Bett willst, hilft dir ausgerechnet der spanische Rhythmus. Vor neun isst kaum jemand zu Abend, danach kommt ein Glas auf einer Terrasse, und wenn sich die Gassen gegen Mitternacht richtig füllen, hattest du den besten Teil des Abends schon. Niemand schaut dich schief an, wenn du dann gehst.

Mykonos, früher als alle anderen

Mykonos verlangt mehr Planung, schon weil es eine Insel ist und du Fähre oder Flug brauchst. Dafür bekommst du ein Bild, das sich trotz aller Fotos kaum abgenutzt hat. Die Chora, der Hauptort, ist ein Gewirr aus weiß getünchten Gassen, blauen Türen und Fensterläden, Treppen, die irgendwo enden, und Bougainvillea über den Mauern. Am Wasser steht Little Venice, eine Reihe alter Häuser, deren Balkone direkt über dem Meer hängen, und auf dem Hügel dahinter stehen die Windmühlen, die jeder schon gesehen hat, bevor er zum ersten Mal da ist.

Abends drängen sich dort alle für den Sonnenuntergang, Glas in der Hand, Handy über dem Kopf. Um sieben Uhr morgens stehst du an derselben Stelle fast allein. Die Wege sind frisch gefegt, Getränkekisten rumpeln auf Sackkarren durch die Gassen, ein Café zieht die Stühle nach draußen. Dass die Sonne auf Mykonos auch aufgeht, kennen manche Besucher nur vom Hörensagen.

Wenn du früh losgehst, hast du die Chora gesehen, bevor die Mittagshitze anstrengend wird. Danach ein paar Stunden am Strand, eine lange Pause im Schatten, abends essen in der Stadt und ein letzter Drink mit Blick auf Little Venice, wenn sich die Menge verlaufen hat. Das ist eine vollständige Mykonos-Woche, auch ohne eine einzige Nacht, die erst nach Sonnenaufgang endet.

Mai, Juni oder September

Für beide Orte sind Mai, Juni und September die besten Monate. Die Tage sind lang und warm, und es ist deutlich weniger los als im Hochsommer. Im Mai ist das Meer noch frisch, im September hat es einen ganzen Sommer Wärme gespeichert. Auf Mykonos bläst im Juli und August oft kräftig der Meltemi, ein trockener Nordwind, der Fähren durchschüttelt und Strandtage verkürzt. Und während auf der Insel im Winter ein Großteil der Hotels und Restaurants schließt, bleibt Sitges eine Kleinstadt mit eigenem Alltag, in die du auch außerhalb der Saison fahren kannst.

Welcher Ort es wird, ist am Ende eine Frage des Temperaments. Sitges, wenn du die Großstadt in Reichweite haben willst, Mykonos, wenn dir Licht und Insel den Aufwand wert sind. Was du in beiden Fällen lernst, hättest du mit Mitte zwanzig nicht geglaubt. Beide Orte sind morgens schöner, als die Nacht je verspricht.

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