Twink mit 40 und die Schublade, die nicht mitaltert
Die Szene sortiert Körper in Twink, Otter und Bear. Praktisch, bis du aus deiner Kategorie herauswächst und das alte Wort noch im Profil steht

Irgendwo in deinem Profil steht noch dieses eine Wort. Du hast es mit dreiundzwanzig hingeschrieben, als es stimmte, und seitdem nie wieder angefasst. Mit einundvierzig liest es sich wie ein Kostüm, das du nach der Party vergessen hast auszuziehen. Aufgefallen ist es dir auf einem Foto, das ein Freund an deinem Geburtstag gemacht hat: Licht von oben, du lachst, und neben dem Lachen sitzt eine Falte, die du bisher für eine Frage des Winkels gehalten hast.
Eine Szene, die gern sortiert
Für Körper hat die Szene erstaunlich viele Wörter. Twink für jung, schlank und glatt, Otter für schlank und behaart, Bear für kräftig und behaart, Cub für den jüngeren Bear, Daddy für den älteren Mann. Grindr bietet solche Begriffe als Tribes an, die du dir ins Profil setzen kannst, manche Partys richten sich ausdrücklich an eine Gruppe, und die Bears haben sogar eine eigene Flagge.
Das hat Gründe, und längst nicht alle sind schlecht. Eine Kategorie ist eine Abkürzung. Sie sagt in einem Wort, wofür es sonst drei Fotos bräuchte, und sie hat vielen Männern, die nie ins Bild vom glatten, durchtrainierten Schwulen gepasst haben, einen Ort gegeben, an dem sie begehrt wurden und nicht bloß geduldet. Die Bear-Szene wird oft genau so beschrieben, als Gegenentwurf zu einem Ideal, das die meisten ohnehin nicht erfüllen.
Schwierig wird es erst, wenn aus der Abkürzung eine Selbstbeschreibung geworden ist, die du nicht mehr hinterfragst.
Der Körper zieht weiter, das Label bleibt
Die meisten dieser Wörter hängen an Merkmalen, die sich verändern, und keines so offensichtlich wie Twink, das im Kern einfach jung bedeutet. Wer mit Anfang zwanzig so genannt wurde, vielleicht sogar gern, merkt mit den Jahren, dass der Begriff nicht mitkommt. Der Bart wird dichter, der Bauch hartnäckiger, an den Schläfen zeigt sich das erste Grau. Die Männer, die dir früher „süß“ geschrieben haben, schreiben gar nicht mehr, dafür tauchen Nachrichten von Mittzwanzigern auf, die dich Daddy nennen.
Für manche ist das ein leiser Schock, und er hat erstaunlich wenig mit dem Aussehen zu tun. Wer jahrelang der Jüngste am Tisch war, der Hübsche, um den sich die anderen bemüht haben, hat sich oft über eine Rolle definiert, die ihm von außen zugeschrieben wurde. Fällt die Rolle weg, bleibt die Frage, wer du eigentlich bist, wenn du das nicht mehr bist.
Der Spiegel macht es dann nicht leichter. Er zeigt einen Mann Anfang vierzig, der ziemlich gut aussieht. Dein Kopf hält ihm aber eine Schablone hin, die für einen Fünfundzwanzigjährigen geschnitten wurde, und gegen eine Schablone verlierst du jedes Mal. Dasselbe kennen übrigens Männer, die in die andere Richtung aus ihrer Kategorie fallen, etwa der Bear, der nach einem Jahr Gym plötzlich schlank ist und sich in der eigenen Szene fremd vorkommt.
Suchfilter, keine Identität
Es hilft, nüchtern draufzuschauen, wofür diese Wörter gemacht sind. In einer App sind sie Filter. Sie helfen Fremden, beim Scrollen schneller zu entscheiden, ob sie anhalten, und das erledigen sie ganz ordentlich. Wer du bist und was du willst, können sie dir nicht sagen. Dafür sind sie zu grob, und dafür waren sie auch nie gedacht.
Wer das einmal so sieht, liest das eigene Profil mit anderen Augen. Du kannst das Wort streichen, ein neues wählen oder ganz auf eines verzichten. Mancher stellt mit Mitte vierzig fest, dass er als Daddy eine Aufmerksamkeit bekommt, die er als Twink nie hatte, und dass ihm das gefällt. Ein anderer hat genug von der Sortiererei und schreibt lieber zwei Sätze über sein Wochenende. Beides ist ehrlicher, als an einem Begriff festzuhalten, der vor fünfzehn Jahren gepasst hat.
Aus einer Schublade zu fallen, fühlt sich zuerst an wie ein Verlust. Mit etwas Abstand merkst du, dass sie dir auch vorgeschrieben hat, wie du auszusehen hast und was andere von dir erwarten dürfen. Wer nicht mehr hineinpasst, muss sich danach nicht mehr richten. Dann bist du einfach ein Mann mit vierzig, in einem Körper, der eine Geschichte hat. Die Männer, die genau das suchen, gibt es. Sie benutzen nur andere Filter.


