Mein Hetero-Bester ist kein Shopping-Buddy
Kein Accessoire, kein Wingman an der Bar. Was eine Freundschaft mit einem straighten Mann trägt, wenn ihr beide aus euren Rollen herauswachst

Beim ersten Bier sagt er es meistens von selbst, noch bevor du irgendetwas gefragt hast, dass er mit so etwas überhaupt kein Problem habe. Der Satz ist gut gemeint und verrät trotzdem mehr über ihn als über dich. Eine Rolle für diese Art von Freundschaft hat die Popkultur nie geschrieben. Der schwule beste Freund war jahrzehntelang an eine Frau gebunden, er bewertete Outfits, kommentierte Dates und saß bei ihrer Hochzeit in der ersten Reihe, ein eigenes Leben hatte er höchstens am Rand. Für den straighten Kumpel gab es nicht einmal dieses Klischee, nur eben jenen Satz beim ersten Bier.
Trotzdem gibt es diese Freundschaften, und manche gehören zu den stabilsten, die du hast. Interessant werden sie allerdings erst, wenn beide aus den Rollen herauswachsen, die ihnen am Anfang angeboten wurden.
Das alte Drehbuch
Am Anfang steht oft eine Art Probezeit. Er will zeigen, wie entspannt er ist, und erzählt deshalb ungefragt von seinem schwulen Cousin. Du willst zeigen, dass du keine Gefahr bist, und hältst die Umarmung zur Begrüßung eine halbe Sekunde kürzer als bei deinen anderen Freunden. Beide meinen es gut, und beide spielen dabei eine Figur.
Darunter liegt bei vielen von uns ein älteres Misstrauen. Wer auf dem Pausenhof oder in der Umkleide gelernt hat, dass eine Gruppe Jungs schnell ungemütlich werden kann, nimmt diese Erfahrung mit ins Erwachsenenleben. Du rechnest bei straighten Männern lange mit dem Moment, in dem der Ton kippt. Bleibt er aus, ist das eine Erleichterung, die du dir selbst kaum eingestehst.
Auch die bequemen Varianten sind Rollen. Der Schwule als Stilberater, als Paartherapeut für die Beziehung des Kumpels, als Gast auf dem Junggesellenabschied, über den hinterher alle sagen, wie entspannt er war. Das fühlt sich freundlich an und bleibt trotzdem an der Oberfläche, weil jeder genau das liefert, was der andere von ihm erwartet.
Wo es unbequem wird
Echt wird so eine Freundschaft meistens an einem Abend, an dem einer etwas sagt, das er sich vorher zweimal überlegt hat. Vielleicht fragt er endlich, wie das bei euch eigentlich läuft, mit Sex, mit Rollen, mit Treue, und zwar ohne das verlegene Grinsen, mit dem solche Fragen sonst kommen. Vielleicht gibt er zu, dass er in der neunten Klasse bei den Witzen mitgelacht hat, und du erzählst ihm zum ersten Mal, wie sich diese Jahre von deiner Seite angefühlt haben.
Umgekehrt gilt das genauso. Irgendwann merkst du, dass du ihn nie nach seiner Ehe gefragt hast, nach dem Druck, für eine Familie zu sorgen, nach der Angst, die eigenen Kinder zu selten zu sehen. Vielleicht weil du angenommen hast, dass ein Leben, das so sehr der Norm entspricht, keine Fragen aufwirft. Oder weil es wehgetan hätte zuzugeben, dass du manchmal neidisch auf genau dieses Leben bist und dich über diesen Neid gleichzeitig ärgerst.
Angenehm sind solche Gespräche selten. Sie können schiefgehen, und manchmal dauert es ein paar Tage, bis einer wieder schreibt. Erst danach weißt du, ob der andere auch dann bleibt, wenn es nicht mehr um die Rolle geht.
Was jeder vom anderen lernt
Viele straighte Männer haben nie geübt, mit anderen Männern über Körper, Unsicherheit oder Gefühle zu reden, ohne das Gespräch nach drei Sätzen mit einem Witz zu beenden. Du bist um diese Übung schlechter herumgekommen, schon weil das Coming-out ein Gespräch ist, das sich mit einem Witz nicht beenden lässt. Wer jahrelang ausgehandelt hat, wie eine Beziehung ohne Vorlage aussehen könnte, bringt etwas mit, das ein straighter Freund gut gebrauchen kann, wenn seine eigene Ehe gerade knirscht.
Was du von ihm lernst, ist unspektakulärer und deshalb leicht zu übersehen. Eine Freundschaft unter Männern, in der Begehren schlicht keine Rolle spielt und deshalb auch nichts verkompliziert, ist entspannter, als du es vielleicht erwartet hättest. Dazu kommt eine Loyalität, die keine großen Worte braucht und beim Umzug trotzdem pünktlich mit dem Transporter vor der Tür steht. Und irgendwann die Einsicht, dass ein Mann, der samstags Fußball schaut und nie eine Gesichtscreme besessen hat, nicht automatisch der Junge aus der Umkleide ist. Beim Hosenkauf beraten musst du ihn übrigens nicht. Er kauft sie bis heute eine Nummer zu groß, und du hast längst aufgehört, etwas dazu zu sagen.
Die Freundschaften, die halten, sind die, in denen keiner mehr beweisen muss, dass er tolerant oder ungefährlich ist, und in denen niemand mehr den Satz vom ersten Bier braucht. Übrig bleiben zwei erwachsene Männer, die sich trauen, einander die unbequemen Fragen zu stellen, und die beide ein bisschen klüger aus dem Abend gehen, als sie gekommen sind.


