Die Flaute nach drei Jahren, und warum der Dreier warten kann
Wenn die Lust nach ein paar Jahren nachlässt, ist nichts kaputt. Was ihr zu zweit versuchen könnt, bevor ihr das Schlafzimmer öffnet

Die Serie läuft, und keiner von euch schaut hin. Er sitzt am einen Ende des Sofas, du am anderen, beide mit dem Handy in der Hand, und gegen elf sagt einer „Ich geh schon mal“, ohne dass der andere es als Einladung versteht. Ihr habt euch nicht weniger lieb als vor drei Jahren, wahrscheinlich sogar mehr. Ihr habt nur deutlich seltener Sex, und keiner hat es bisher angesprochen. Wenn es dann doch einer tut, beim zweiten Glas Wein oder im Urlaub, liegt unter schwulen Paaren oft erstaunlich schnell der Vorschlag auf dem Tisch, sich eben jemanden dazuzuholen.
Das kann eine gute Idee sein, und wie offene Paare das regeln, haben wir an anderer Stelle beschrieben. Hier geht es um die Frage davor, nämlich was ihr eigentlich vermisst, und ob ein dritter Mann daran etwas ändert oder es nur für einen Abend übertönt.
Nähe ist nicht dasselbe wie Begehren
Dass die Lust nach den ersten Jahren nachlässt, erleben sehr viele Paare, schwul oder nicht. Am Anfang reicht es, dass der andere neu ist. Ihr wisst wenig voneinander, jede Berührung ist auch eine kleine Entdeckung, und das trägt eine ganze Weile. Dann wird aus dem Fremden der Mann, mit dem du die Steuererklärung machst, der weiß, wie du schlecht gelaunt aussiehst, und dessen Zahnbürste neben deiner steht.
Die Paartherapeutin Esther Perel hat dieses Dilemma in „Mating in Captivity“ ziemlich genau beschrieben. Liebe sucht Nähe, Sicherheit und Verlässlichkeit. Begehren lebt von Abstand, vom Unbekannten, von dem Gefühl, dass der andere nicht ganz verfügbar ist. Wer alles teilt und alles voneinander weiß, hat es gemütlich, aber dem Begehren fehlt dann die Strecke, die es überbrücken will. Perel fragt Paare sinngemäß, wann sie ihren Partner am anziehendsten finden. Die Antworten haben selten mit Kuscheln auf dem Sofa zu tun. Meist geht es um Momente, in denen man den anderen von außen sieht, in seinem Element, selbstsicher, von anderen bemerkt.
Zwischen zwei Männern kann diese Nähe noch eine Spur dichter werden. Vielleicht trainiert ihr im selben Gym, habt denselben Freundeskreis, tragt die Pullover des anderen und kennt seinen Körper so gut wie deinen eigenen. Das ist schön. Es macht ihn aber auch zu einem Teil von dir, und nach dem eigenen Spiegelbild sehnt sich kaum jemand.
Wieder fremd werden, zu zweit
Wenn Begehren Abstand braucht, klingt die Konsequenz paradox. Ihr müsst euch nicht aus dem Weg gehen, aber jeder darf etwas behalten, das nur ihm gehört, einen Abend pro Woche mit eigenen Freunden, ein Hobby, bei dem der andere nicht mitreden kann, auch mal eine Reise allein. Wer zurückkommt und etwas zu erzählen hat, ist für den anderen ein kleines Stück neu.
Dazu kommt das Hinschauen. Geh mit, wenn er etwas tut, das er gut kann, wenn er einen Vortrag hält, auf einer Bühne steht oder an einem Abend Gastgeber ist und du nur Gast. Das klingt banal, aber genau diesen Blickwinkel nimmt euch der Alltag.
Bleibt die Sache mit der Spontaneität. Viele Paare warten darauf, dass die Lust wie früher von selbst kommt, und halten es für ein schlechtes Zeichen, wenn sie ausbleibt. In der Sexualtherapie unterscheidet man zwischen Lust, die spontan auftaucht, und Lust, die erst entsteht, wenn es schon angefangen hat. In langen Beziehungen ist die zweite Sorte häufig, und sie braucht einen Anlass. Ein verabredeter Abend nimmt beiden den Druck, den ersten Schritt aus dem Nichts machen zu müssen, und er heißt nicht, dass etwas kaputt ist. Die Handys bleiben dann im Flur, so viel Disziplin muss sein.
Reden, ohne zu verhandeln
Am schwersten ist oft das Gespräch selbst, weil es so schnell nach Vorwurf klingt. Die Frage, warum ihr so selten Sex habt, endet meist in einer Bilanz. Weiter kommt ihr mit der Frage, was jeder von euch eigentlich will und sich bisher nicht zu sagen getraut hat. Nach drei Jahren ist das oft mehr, als beide denken. Vielleicht wollte einer schon lange mal die Rollen tauschen, vielleicht vermisst der andere nur das Küssen ohne Absicht. Die Neugier, mit der ihr euch kennengelernt habt, braucht ihr hier wieder.
Wenn ihr danach immer noch einen dritten Mann dazuholen wollt, trefft ihr diese Entscheidung aus Lust und nicht aus Ratlosigkeit. Ein Dreier kann eine Beziehung beleben, die ohnehin lebendig ist. Eine Flaute, über die ihr nie gesprochen habt, wartet nach dem Abend meistens noch auf euch, genau dort, wo ihr sie gelassen habt, auf dem Sofa, jeder mit seinem Handy.


