Das Comeback mit 38: Wieder daten nach zehn Jahren Beziehung
Zehn Jahre vergeben, jetzt wieder Single und auf den Apps. Warum sich das fremd anfühlt und du trotzdem besser vorbereitet bist als mit Ende zwanzig

Das letzte Mal, als du Grindr gelöscht hast, war es eine kleine Liebeserklärung. Es gab jemanden, mit dem du nicht mehr suchen musstest, und das Löschen fühlte sich an wie ein Schlussstrich unter eine Phase, die du gern hinter dir gelassen hast. Das war mit Ende zwanzig. Jetzt bist du 38, die Trennung ist ein paar Monate her, die Wohnung gehört wieder dir allein, und abends liegt das Handy in der Hand, zusammen mit der Frage, ob du die Apps wieder installierst. Es fühlt sich an, als hättest du eine Sprache verlernt, die alle anderen in der Zwischenzeit weitergesprochen haben.
Neu installiert, trotzdem fremd
Der erste Abend auf den Apps ist selten ein Triumph. Die Technik findet man schnell wieder, schwieriger ist das, was man sieht. Viele Profile im Grid sind deutlich jünger als du, und in deinem eigenen steht ein Alter, das du dort noch nie stehen hattest. Freunde empfehlen dir Apps, von denen du nie gehört hast, der eine schwört auf Hinge, der andere auf ROMEO, und jeder hält seine Wahl für die einzig vernünftige. Auch die Codes haben sich verschoben. Manches, was vor zehn Jahren eher unter der Hand lief, etwa dass jemand in einer offenen Beziehung lebt, steht heute oft einfach im Profiltext, ohne dass jemand viel Aufhebens darum macht.
Du musst nicht alles auf einmal nachholen. Nimm eine App, deren Ton zu dem passt, was du gerade suchst, und lass die anderen liegen. Und schreib dein Profil für den Mann, der du heute bist, nicht für den von damals. Das alte Selbstbild, der Typ, der um zwei noch weiterzieht, passt beim ersten Treffen meist als Erstes nicht mehr.
Das Tempo der anderen
Wer lange in einer Beziehung war, hat einen eigenen Rhythmus, und der ist langsam. Man ist es gewohnt, dass sich Dinge über Wochen entwickeln, dass ein Gespräch am nächsten Tag einfach weitergeht und Nähe nicht verhandelt werden muss. Dating funktioniert anders, es ist unverbindlicher, und manches ist schneller vorbei, als einem lieb ist.
Daraus entstehen zwei Versuchungen, die sich eigentlich ausschließen und trotzdem beide naheliegen. Die eine ist, beim ersten Mann, der freundlich ist, gleich wieder ein Paar werden zu wollen, weil sich das vertraut anfühlt. Die andere ist, die verlorenen Jahre in ein paar Monaten nachzuholen. Verständlich ist beides, lange gut geht selten eins davon. Ehrlicher ist es, sich einzugestehen, was man im Moment wirklich will, und das dann auch so zu sagen. „Ich suche was Festes“ ist kein Pflichtsatz, nur weil man zehn Jahre lang etwas Festes hatte.
Die eigene Geschichte am Tisch
Beim ersten Date kommt die Frage, und meist früher, als man denkt. Zehn Jahre sind kein Detail, das man unterschlagen kann, und wer es versucht, wirkt seltsam. Ein Satz reicht, etwa dass du lange mit jemandem zusammen warst und es seit einem halben Jahr nicht mehr bist. Fragt er nach, antwortest du ehrlich und kurz, und dann geht es um euch beide.
Schwierig wird es, wenn der Ex zum Dauerthema wird, als Vergleich, als Warnung oder als Erklärung für alles, was du heute anders machst. Der Ex ist beim ersten Date ein bisschen wie das Handy auf dem Tisch. Man darf ihn kurz erwähnen, aber er sollte nicht mitessen. Dass du innerlich vergleichst, ist dagegen normal. Der Neue lacht anders, erzählt anders, und das fällt dir auf, weil du jemanden zehn Jahre lang sehr genau gekannt hast. Kommentieren musst du das nicht, und es lässt mit der Zeit von selbst nach.
Nicht aus der Übung
Am hartnäckigsten ist das Gefühl, aus der Übung zu sein, und gerade das führt in die Irre. Mit Ende zwanzig war Dating vor allem Ausprobieren. Man wusste ungefähr, was einem gefällt, aber kaum, was man braucht. Zehn Jahre Beziehung haben dir darüber mehr beigebracht als jede Nacht auf den Apps. Du weißt, wie du streitest und wie du dich versöhnst, wie viel Nähe dir guttut und ab wann es dir zu eng wird, ob du zusammenwohnen willst und welche Kompromisse du kein zweites Mal eingehst.
Leichter werden die ersten Dates dadurch nicht unbedingt, aber klarer. Du merkst früher, wenn etwas nicht passt, manchmal nach zwanzig Minuten, und du musst daraus kein Drama mehr machen. Ein Abend, der nicht funktioniert hat, ist dann eben ein Abend, der nicht funktioniert hat, und kein Urteil darüber, ob du es noch kannst. Du bist nicht aus der Übung. Du weißt nur endlich, was du nicht mehr willst, und das ist mehr, als viele zum ersten Date mitbringen.


