Sex, Körper, Gesundheit. Für schwule MännerOktober 2026
Dating

Befreundet mit dem Ex: Kunststück oder Hinhalten

Bei uns sitzt der Ex oft mit am Geburtstagstisch. Warum das erstaunlich oft gutgeht und wann es nur Nicht-Loslassen ist

Von der Redaktion · 13. Oktober 2026 · 4 Min.
Zwei Männer im Gespräch an einem gedeckten Abendtisch mit Kerze und Weingläsern, einer mit Brille im roten Hemd, der andere im gestreiften Hemd mit dem Rücken zur Kamera
Foto: Pexels

Ein Geburtstagsessen, acht Leute an einem zu kleinen Tisch, und wer genau nachzählt, kommt auf mindestens zwei, die mal mit dem Gastgeber zusammen waren. Der eine hat den Wein mitgebracht. Der andere weiß, wo der Korkenzieher liegt, weil er die Schublade vor Jahren selbst eingeräumt hat. Niemand am Tisch findet das bemerkenswert. Erzählt man es einem heterosexuellen Kollegen, schaut er, als müsse er sich die Sitzordnung erst aufmalen.

Warum es bei uns so oft klappt

Die einfachste Erklärung ist die Größe. Die Szene ist auch in Berlin, Wien oder Zürich kleiner, als sie sich am Samstagabend anfühlt, und wer ein paar Jahre dabei ist, kennt die meisten Gesichter zumindest vom Sehen. Man lernt sich über Freunde kennen, man trennt sich, und die Freunde sind danach immer noch dieselben. Wer den Ex konsequent aus seinem Leben streicht, streicht oft den halben Freundeskreis und die Stammbar gleich mit. Ein hoher Preis für einen sauberen Schnitt.

Dazu kommt etwas, das tiefer sitzt. Viele schwule Männer haben sich ihre Familie irgendwann selbst zusammengesetzt, weil die, in die sie hineingeboren wurden, nicht automatisch ein sicherer Ort war. Aus so einer Wahlfamilie wirft man niemanden leichtfertig raus. Ein Mann, der dich durch das Coming-out bei deinen Eltern begleitet hat oder neben dir saß, als deine Großmutter beerdigt wurde, ist nach der Trennung kein Fremder. Er gehört zu den wenigen, die dich wirklich kennen, und das endet nicht, nur weil ihr nicht mehr in einem Bett schlaft.

Und schließlich hatten Beziehungen zwischen Männern lange keine Vorlage. Wo es kein Drehbuch gibt, muss man sich auch an keines halten, beim Zusammensein ebenso wie beim Danach.

Erst Abstand, dann Freundschaft

Was am Geburtstagstisch so selbstverständlich aussieht, hat meist eine Vorgeschichte, die weniger entspannt war. Freundschaften mit einem Ex, die wirklich tragen, beginnen selten am Tag nach der Trennung. Davor liegt eine Zeit, in der man sich nicht sieht, nicht schreibt und nicht wissen will, mit wem der andere am Wochenende unterwegs war. Diese Funkstille ist kein Rückschritt. Sie ist der Teil der Geschichte, den man am Geburtstagstisch nicht sieht.

Skeptisch sein darf man, wenn es zu schnell geht. Wer zwei Wochen nach dem Auszug verkündet, man bleibe natürlich beste Freunde, meint damit oft etwas anderes. Er will nicht, dass es ganz vorbei ist. Das ist menschlich, aber es ist keine Freundschaft, sondern ein Abschied, der nicht stattfinden darf.

Wann es eigentlich Hinhalten ist

Die Grenze ist selten eindeutig, aber es gibt Anzeichen, die man ehrlich prüfen kann. Du schreibst ihm als Erstem, wenn etwas Gutes passiert, und ein Date mit einem anderen Mann fühlt sich ein kleines bisschen wie Fremdgehen an. Du weißt noch, wann er Feierabend hat, und richtest deine Abende unauffällig danach aus. Erzählt er von einem Neuen, wirst du still und fragst später zu genau nach. Und die Nächte, in denen es doch noch einmal passiert, werden mit jedem Mal schwerer zu erklären.

Hinhalten ist selten böse Absicht und fast nie einseitig. Oft hofft der eine, und der andere genießt es, noch gewollt zu werden, ohne sich festzulegen. Beide nennen es Freundschaft, weil das Wort so angenehm erwachsen klingt. In Wahrheit wartet einer darauf, dass sich etwas ändert, und der andere sorgt dafür, dass es so bleibt.

Solange keiner mehr hofft

Am Ende läuft alles auf eine einzige, unbequeme Frage hinaus. Hofft einer von euch noch? Lautet die ehrliche Antwort nein, auf beiden Seiten, kann aus einer Beziehung etwas sehr Wertvolles werden, eine Freundschaft mit gemeinsamer Geschichte, in der man sich nichts mehr beweisen muss. Lautet sie ja, auch nur ein bisschen, ist die Freundschaft ein Wartezimmer, und je länger man darin sitzt, desto schwerer fällt das Aufstehen.

Den brauchbarsten Test liefert ausgerechnet der nächste Geburtstag. Kannst du neben seinem neuen Freund sitzen, dich mit ihm unterhalten und ihn am Ende des Abends tatsächlich mögen, seid ihr angekommen. Musst du dich dafür zusammenreißen, ist es noch zu früh, und das ist keine Schande. Es heißt nur, dass Abstand gerade die freundlichere Wahl ist, für ihn und vor allem für dich.

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